Dieses
Risiko kann nun mit Blutverdünnern (OAK, orale
Antikoagulantien; bei uns
meist Marcoumar oder Sintrom, in den USA Warfarin) zwar nicht auf null
gesenkt
werden, aber um 50% bis 60% gesenkt werden; dies wirkt sich
natürlich bei einem
höheren CHADS2-Score stärker aus, da beispielsweise
eine Reduktion des Risikos
von 1,9% (CHADS2-Score 0) nur eine absolute Risikoreduktion von ca. 1%
bedeutet,
bei einem Risiko von 5,9% die Reduktion aber fast 4% beträgt.
Man
erkauft sich diese Reduktion des Schlaganfallrisiko durch OAKs
allerdings
durch eine erhöhte Blutungsneigung, diese beträgt
durchschnittlich 2% bis 3% schwere
Blutungsereignisse jährlich, insbesondere 0,2% bis 0,5%
Blutungen im Hirn,
welche meist schwere Folgen (Tod oder großer Schlaganfall)
haben. Bei Patienten
mit zusätzlichen Risiken (wie sie leider gerade bei Patienten
mit hohem
CHADS2-Score häufiger sind) kann die Blutungsgefahr unter OAK
auch deutlich
höher sein - auch dafür gibt es einen Score, sein
Akronym ist HAS-BLED
(Hypertension, anormale
Leber/Nierenfunktion, Stroke-Vorgeschichte,
Blutungsereignisse in der
Vorgeschichte, labile
Gerinnungswerte, Alter
über 65, Drogen - gemeint
sind Alkohol oder
blutungsfördernde Medikamente, etwa NSAR, eine
Gruppe von
Rheumamitteln).
(Es
gibt schon einen neueren Score, den CHA2DS2-VASc-Score,
der eine Unterscheidung nach Geschlecht und weiteren Faktoren vornimmt
und für
die genauere Risikoabschätzung bei Patienten mit einem Score
von 0 oder 1
dient; und es gibt neue in dieser Indikation schon zugelassene Medikamente,
die vielleicht
Marcoumar einmal ersetzen werden und bei denen eine günstigere
Relation von
Wirkung und Nebenwirkung zu bestehen scheint, aber im heutigen
klinischen
Alltag ist dies noch nicht relevant und würde unsere
Diskussion verkomplizieren,
ich übergehe sie daher zu jetzigen Zeitpunkt, das ist der Juli
2011).
Es
gibt daher Ärzte, die sagen: wenn mein Patient ein
Vorhofflimmern hat, und
sei es nur eine oder mehrere Episoden im Schrittmachermemory, und er
hat
mindestens 2 Punkte im CHADS2 - Score, dann muss er entsprechend den
Richtlinien Marcoumar erhalten; gäbe ich ihm kein Marcoumar
und erlitte der
Patient einen Schlaganfall, wäre dies auf mein nicht
leitlinienkonformes
Verhalten zurückzuführen. Ein Blick auf die bisherige
Studienlage und die Leitlinien zeigt aber, dass diese Frage sehr
komplex ist und derzeit noch keine klare Richtlinie, was im Einzelfall
zu tun ist, vorliegt:
2002 zeigte Gillis, dass Vorhofflimmern
im gespeicherten Schrittmacher-EKG eher die Regel als die Ausnahme
darstellt:
bei 231 Schrittmacherpatienten trat in 68% der Patienten, die den
Schrittmacher
wegen einer Sinusknotenerkrankung erhalten hatten, und bei 37% der
Patienten
deren Indikation ein AV-Block war, Vorhofflimmern auf - die
mittlere Zeit
die von der Implantation bis zur ersten Flimmerepisode verstrich war
durchschnittlich nur 21 Tage.
2003 untersuchte
Glotzer in einer Zusatzstudie
zur MOST-Studie
an 312
Patienten erstmals einen möglichen Zusammenhang zwischen dem
Auftreten von
"atrial high rate events" (AHREs) im Schrittmachermemory und dem
Auftreten von Schlaganfällen und Tod. Sie definierte dabei
alle vom
Schrittmacher gemeldeten Tachykardien von mehr als 5 Minuten Dauer als
AHREs;
diese Zeitdauer stammt aus der Arbeit
von Pollak, der 2001 an Hand von
paralleler Aufzeichnung des EKGs aus dem Vorhof
(intraatriales EGM)
und Abfrage des Schrittmachermemories verifizierte, ob der
Schrittmacher bei
seiner Beurteilung von Vorhofarrhythmien korrekt war oder nicht - und
hier fand
sich eben, dass Episoden mit einer Frequenz über 250 pro
Minute und einer Dauer
über 5 Minuten verlässlich echte Tachyarrhythmien
waren, kürzere jedoch oft
Artefakte darstellten. Beim Vergleich jener Patienten, die diese
Bedingung
erfüllten (also Vorhoftachycardien irgendeiner Dauer von mehr
als 5 Minuten
hatten) mit jenen, die diese Bedingung nicht erfüllten,
erlitten die Patienten
mit Tachykardien 2,5 mal mehr Insulte und Todesfälle als jene
ohne solche
Episoden. Nicht geprüft wurde, ab welcher Zeitdauer der AHREs
die Insult- und
Todesrate anzusteigen begann - alle Episoden die obige Bedingungen
erfüllten
zählten gleich.
2005 analysierte Capucci
die Frage, welche Zeitdauer von
Vorhofflimmern erforderlich war, um Schlaganfälle vermehrt
auftreten zu lassen,
genauer: er teilte seine 725 Patienten in 3 Gruppen - jene "ohne"
AHREs (auch Capucci akzeptierte ausdrücklich die
5-Minutengrenze die Pollak
postuliert hat, daher bedeutet auch bei
ihm "keine AHREs" eigentlich "keine AHREs über 5 Minuten
Dauer"), die zweite Gruppe sind Patienten mit AHREs in einer Dauer
zwischen 5 Minuten und 1 Tag, die dritte Gruppe hatte Arrhythmien mit
einer
Dauer, die 1 Tag überstieg. Die Grenze "1 Tag" ist insofern
willkürlich gewählt, als sie sich einfach aus der
technischen Spezifikation der
verwendeten Medtronic-Schrittmacher ergab, die ihre Auswertung nach
einzelnen
Tagen gliedern. Über 70% der Patienten zeigten im Follow up
(die mediane Dauer
war 22 Monate) Vorhofflimmern von mehr als 5 Minuten Dauer - allerdings
war ein
Aufnahmekriterium in die Studie eine Anamnese von Vorhofarrhythmien,
das Ergebnis
erstaunt daher nicht. Interessanter die Verteilung der 14
Schlaganfälle die
beobachtet wurden: Patienten mit einer Vorhofflimmerdauer von mehr als
1 Tag
hatten 3mal mehr Insulte als jene mit keinen oder weniger als 1 Tag
dauernden
Episoden, die war statistisch signifikant - aber zwischen der Gruppe
ohne AHREs
und jener mit Arrhythmien mit einer Dauer unter 1 Tag bestand kein
Unterschied.
2009 unternahm Taya
V.Glotzer in der TRENDS-Studie
einen
weiteren Versuch, die zeitlichen Relationen zwischen vom Schrittmacher
gemeldeter Arrhythmiedauer und Auftreten von Schlaganfällen zu
präzisieren.
2486 Patienten wurden durchschnittlich 1,4 Jahre lang beobachtet; AHREs
wurden
diesmal nicht erst ab einer Mindestdauer von 5 Minuten
gezählt, sondern
lediglich als mindestens 20 Sekunden währende Episoden mit
einer Frequenz von
mindestens 175/Minute definiert (dies ist die Standardeinstellung des
verwendeten Medtronicschrittmachers; Medtronic trat auch als Sponsor
dieser
Studie auf). Es erfolgte auch eine alternative Berechnung der Resultate
nach
Ausschluss aller Events unter 5 Minuten, dies veränderte aber
die Kernaussage
der Studie nicht. Es zeigte sich , dass der Medianwert aller AHREs in
dieser
Population 5,5 Stunden betrug, und zum Zweck der statistischen
Prägnanz wurde
dieser Wert als Trennlinie zwischen Patienten mit "niedriger" und
"hoher" Flimmerbelastung ("Burden") festgelegt. Wie bei
Capucci fand sich wieder das gleiche Bild: Patienten ohne AHREs und
solche mit
niedriger Burden hatten wenige, jene mit hoher Burden (also nach der
Definition
dieser Studie: über 5,5 Stunden pro Tag) hatten mehr Insulte -
wenn auch die
Gesamtzahl der Insulte in dieser Studie erstaunlich gering war.
Patienten ohne
AHREs und jene mit AHREs unter 5,5 Stunden hatten eine
jährliche Insultrate
(inklusive TIAs) von 1,1 %, dagegen war diese Rate bei Patienten mit
insgesamt
über 5,5 Stunden Vorhofflimmern an mindestens einem
Tag 2,4%. Die sich
daraus ergebende Risikosteigerung der Patienten mit Arrhythmien
über 5,5
Stunden betrug somit das 2,2fache, was aber mit einem p von 0,06 noch
nicht
signifikant war, wohl wegen der geringen Anzahl der Ereignisse (bei
einem
durchschnittlichen CHADS2-Score der Patienten von 2,2 hätte
man ja bei einem
VH-Flimmerkollektiv mit 4% Ereignissen gerechnet).
2010 wurde
bei der AHA 2010 eine
von
der Schrittmacherfirma St.Jude gesponserte Studie
namens ASSERT
vorgestellt,
die von Dr. Jeff Healey an 2451 SM-Patienten und 129
ICD-Patienten durchgeführt wurde. Alle Patienten waren
älter als 65 und hatten eine Hypertonie, jedoch bisher kein
dokumentiertes VH-Flimmern. Drei Monate nach der Implantation wurde das
Schrittmacher-Memory abgefragt und alle AHREs mit einer Frequenz
über 190/min und einer Dauer von mindestens 6 Minuten wurden
vermerkt; dann wurden die Patienten prospektiv 2,5 Jahre auf das
Auftreten von embolischen (cerebralen und peripheren) Ereignissen
beobachtet. Innerhalb der 2,5 Jahre entwickelte ein Drittel der
Patienten (34,5%) AHREs von über 6 Minuten Dauer!
Die Publikation erfolgte im Jänner 2012 im New England Journal of Medicine
und ergab, dass Patienten, die in den 3 ersten Monaten nach
Schrittmacherimplantation AHREs aufwiesen, in der Folge häufiger
Embolien zeigten - allerdings in starker Abhängigkeit von der
Dauer der AHREs:
Healey teilte die Patienten mit AHREs in 4 Quartilen entsprechend der Dauer der längsten AHRE
ein und kam zu folgender Einteilung der Risikoerhöhung
hinsichtlich Embolien (welche allerdings wegen zu geringer Fallzahl
nicht signifikant war):
- Patienten mit 0,1 bis 0,86 Stunden maximale AHRE-Dauer: jährliche Embolierate (Schlaganfall oder peripher) 1,23
- Patienten mit 0,87 bis 3,63 Stunden maximale AHRE-Dauer: jährliche Embolierate (Schlaganfall oder peripher) 0 (null)
- Patienten mit 3,64 bis 17,72 Stunden maximale AHRE-Dauer: jährliche Embolierate (Schlaganfall oder peripher) 1,18
- Patienten mit mindestens 17, 73 Stunden maximale AHRE-Dauer: jährliche Embolierate (Schlaganfall oder peripher) 4,89
Ein gleichzeitig erschienenes Editorial von G.Lamas
mit dem Titel: "How Much Atrial Fibrillation Is Too Much Atrial
Fibrillation?" versuchte, diese Ergebnisse in den Kontext klinischer
Entscheidungsfindung zu stellen, verglich die Resultate mit denen der
TRENDS-Studie, und kam zu dem Schluss: "...until
clinical trials targeting the population with short, asymptomatic
episodes of high atrial rate are carried out, the current evidence
simply does not address the question of whether treatment with warfarin
or other anticoagulants is justifiable for the asymptomatic patient who
has had a 6-minute episode of atrial fibrillation. For now, therefore,
I will continue to turn to the now-venerable CHADS2
score, consider applying it to patients with asymptomatic episodes of
atrial fibrillation lasting for hours, and make a clinical judgment
about the need for anticoagulation. "
Eine weitere
ähnliche von St.Jude gesponserte Studie der gleichen Firma (RATE
Registry) läuft noch bis 2014.
All bisherigen Studien sind freilich Beobachtungsstudien,
die keine
wissenschaftliche Auskunft über den Nutzen einer Behandlung
der AHREs etwa mit
OAK oder NOACs geben können. Erst 2015
sollen die Resultate einer
randomisierten
Therapiestudie namens IMPACT
(von Biotronik
gesponsert) erscheinen, die Hinweise zu Therapieentscheidungen liefern
könnte.
Zum
heutigen Zeitpunkt kann man also aus der Tatsache, dass bei einem
Schrittmacherpatienten, der bisher kein manifestes Vorhofflimmern
zeigte, bei
der Schrittmacherkontrolle von der Telemetrie des Schrittmachers eine
oder
mehrere Episoden von Vorhofflimmern (eigentlich AHRE) gemeldet werden,
keine generelle
Indikation zur Gabe von Marcoumar oder anderen OAK ableiten. Offenbar
sind
diese AHREs nicht einfach mit paroxysmalem Vorhofflimmern, das einen
anerkannter
Grund
zur Antikoagulation darstellt, wenn ein entsprechender CHADS-Score
erreicht
wird, gleichzusetzen. Insbesondere hat die Dauer der Episoden
offenbar große Bedeutung, und es ist noch nicht klar, ab
welcher Vorhofflimmerbelastung die Nachteile der OAK-Gabe geringer als
ihre Vorteile sind.
Auch die
Autoren der zitierten Studien betonen immer wieder, dass aus ihren
Studien noch keine eindeutige
therapeutische Konsequenz gezogen werden kann:
- MOST:
"We
cannot,
however, conclude that an atrial arrhythmia of 5 minutes in duration
merits
treatment to prevent stroke."
- TRENDS:
"Further
research is necessary to precisely identify the amount of AT/AF burden,
in
conjunction with other stroke risk factors that might merit medical
intervention with antithrombotic therapy."
- Dr.
Glotzer im Interview:
"I think we can say for sure that higher burden has a higher
stroke rate, but what exactly the cut point is, I don't think we know
that yet. Should you put them on Coumadin? We can't say that for sure."
- Oder
die Autoren des in der gleichen
Ausgabe wie TRENDS erschienenen Editorials: "We must learn much
more
about
the complex relationship between thromboembolic risk and the burden of
atrial
tachyarrhythmias such as AF before the information gleaned from
implanted
cardiac devices can be factored into this aspect of clinical practice."
Und
- vielleicht am wichtigsten für alle unter uns, die sich
streng an
die Leitlinien halten wollen, und deshalb meinen, jeden durch die
Schrittmacherabfrage "entlarvten Vorhofflimmerer" gleich
antikoagulieren zu müssen - auch die ESC-Leitlinien haben
schon eine Stellungnahme
zu diesem Problem bereit:
- "The
risk of AF-related complications is not different between short AF
episodes and sustained forms of the arrhythmia. It is therefore
important to detect paroxysmal AF in order to prevent
AF-related complications (e.g. stroke). However, short
‘atrial highrate episodes’,
e.g. detected by pacemakers, defibrillators, or other implanted
devices, may not be associated with thrombo-embolic complications
unless their
duration exceeds several hours (see Section 3.4)."
- Diese
Section 3.4 lautet: "Implantable devices capable of intracardiac
atrial electrogram recording such as dual-chamber pacemakers and
defibrillators
can detect AF appropriately, particularly when an arrhythmia duration
≥5 min is
used as a cut-off value. Longer atrial high-rate episodes (e.g.
>5.5 h)
may be
associated with thrombo-embolic events.”
Somit
betrachten die Leitlinien Vorhofflimmern von mehr als
5,5 Stunden pro Tag als Risiko, und legen nahe, über
therapeutische Konsequenzen bei diesen Patienten nachzudenken
(allerdings ohne sich ausdrücklich für eine
OAK-Therapie bei allen Patienten mit über 5,5 Stunden AHRE an
einem Tag auszusprechen, wenn der CHADS2-Score über 1 liegt);
der Arzt muss daher im Einzelfall abwägen, ob er dem Patienten
eine OAK-Therapie nahelegt, er muss seine Gründe dem Patienten
darlegen, und der Patient sollte dann selbst entscheiden, ob er der
ärztlichen Empfehlung folgt. Ein Hauptmotiv für mich,
die vorliegende Internetseite zu verfassen, lag gerade darin, auch
einem interessierten Laien die Informationen vorzulegen, die wir zum
jetzigen Zeitpunkt zur Verfügung haben.
Wenn wir die obigen Studien und Leitlinien in einer Zeitlinie
zusammenfassen wollen, ergibt sich somit,
- dass
keine Studie oder Leitlinie die Gabe von OAK nur wegen AHREs unter 5
Minuten Dauer nahelegt;
- auch
bis zu einer Dauer von 5,5 Stunden Gesamtbelastung an einem Tag
sprechen jene Studien, welche die Dauer der Episoden
berücksichtigt haben, von einem geringen Insult- und
TIA-Risiko.
- Ab
dieser Grenze steigt die statistische Wahrscheinlichkeit jedoch an, und
die Leitlinie nimmt dies als bedenkenswert an;
- insbesondere
AHREs über 1 Tag Dauer haben nach Capucci ein
deutlich erhöhtes Risiko.
Definitive Antworten auf die Frage, ob die OAK-Gabe bei diesem
Patientengut auch die Prognose verbessert, sind
frühestens 2015 aus der IMPACT-Studie zu erwarten; bis dahin muss der Arzt im
Einzelfall unter Berücksichtigung der oben
angeführten Studien und in Abstimmung mit den
Patientenpräferenzen (welche nach entsprechender
Aufklärung des Patienten erfragt werden müssen) eine
Entscheidung treffen.
Weitere
Internetseiten mit aktuellen Themen aus der Kardiologie - diesmal: was
tun, wenn Sie Marcoumar, Aspirin oder Plavix einnehmen, vor einer
Operation stehen, und Ihr Chirurg anordnet dass Sie diese Mittel einige
Tage pausieren sollen?
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